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Gabriel R. Schor
Palaczs Theorem des Übergangs: Von der Wiederholung zum Angriff
Er selbst nennt seine im Jahre 2010 vor dem Wiener Justizpalast entstandene digitalphotographische Aufnahme „Polizei stirbt aus“ eine „Wiederaufführung“, womit das theatralische Moment jener Arbeit besonders hervorgehoben wird, auf die sich Palaczs Bild repräsentationsstrategisch bezieht, nämlich auf Peter Weibels medienkritische Photographie „Polizei lügt“ aus dem Jahre 1972, die an genau derselben Stelle achtunddreißig Jahre zuvor entstand. Palacz spricht konsequenterweise auch von seinem diesbezüglichen „Re-acting“, was angesichts der Ambiguität des englischen Wortes „act“ sowohl Schauspielen als auch entschiedenermaßen zu handeln bedeutet.
Diese konzeptuell komplexe Arbeit begnügt sich keineswegs damit, etwas Ikonisches bloß nachzustellen, es etwa nur zu aktualisieren, was innerhalb der Gegenwartskunst ansonsten oft genug geschieht. Gewiß, hier wird mit der Geste des Wiederholens gespielt, doch diese Wiederholung hat einen ihr eigenen Eros. Julian Palacz ist auf dem Bild von 2010 genauso alt wie Peter Weibel auf dem Vor-Bild, 28 Jahre alt, doch es geht auch nicht um die Identifikation des Jüngeren mit dem Älteren, dessen Klasse an der Universität für angewandte Kunst Palacz absolvierte. In dieser Wiederholung steckt hier, anders als das vielzitierte Diktum von Marx besagt, keine „Farce“, und auch keine Phantasie von einer Vereinigung im Imaginären, ist es doch völlig unmöglich, Cervantes’ „Don Quixote“ noch einmal zu schreiben, selbst dann, wenn jede Seite, jeder Satz und jedes Wort mit der Erstausgabe identisch wären. Diese Borgessche Lektion ist Palacz ebenso bewußt wie der von Kierkegaard benannte Umstand, daß in einer jeden Wiederholung mehr Läuterung denn Erläuterung steckt. Palaczs Eros hat einen Stachel, der sich nach Klärung dieser Aspekte einem unmißverständlich zu erkennen gibt: das lateinische Wort Repetition, das Wiederholung bedeutet, wird mit einer eminent politischen Botschaft aufgeladen, die schon latenterweise im Wort Re-Petition lauert, heißt doch das Wort Petition wörtlich „Angriff“. Nachdem es also nicht um eine Appropriation oder irgendeine Aneignung sonstiger Art handelt, die sich uns als Simulakrum von Wiederholbarkeit darbietet (die es de facto nicht geben kann), stellt sich die unmittelbare Frage, was denn angegriffen wird bzw. was nun Gegenstand dieses subversiv codierten Angriffs ist.
In dem elliptischen Satz „Polizei lügt“ steckt eine Feststellung und zugleich eine Aufforderung. Zum einen steht der Satz in der dritten Person Singular, zum anderen steckt im Buchstabenabstand „lüg t“ der Imperativ, die Aufforderung, einer lügenden Polizei ja nicht die Wahrheit zu sagen, sondern ihr – zum Selbstschutz – lügend zu antworten, ihr mit dem Schutzschild der Lüge zu begegnen. Wer im allgemein Falschen richtig handelt, der handelt eben nicht richtig, sondern falsch, läßt sich daraus entnehmen – wohl eine Anspielung auf Adornos Aphorismus aus „Minima Moralia“, wonach es nichts Richtiges im Falschen geben könne. Palaczs ideologiekritische Intervention handelt nicht mehr vom modernistischen Unterschied zwischen Wahrheit und Lüge, von der Aporie des Richtigen im Falschen, sondern davon, daß die Lüge in unseren Tagen schon so sehr verinnerlicht worden ist, um den ideologischen Apparat zur Fabrikation der Lügen inzwischen gänzlich obsolet werden zu lassen. Diese Apparate bedürfen keiner Produktion des Scheins mehr, des Verblendungszusammenhangs usw., weil die Mechanismen der Verblendung und Selbsttäuschung durch Mikrokonditionierungen so weit fortgeschritten sind, daß es einer Polizei gar nicht mehr bedürfe, ist doch in Zeiten wie diesen jeder und jede seine eigene bzw. ihre eigene Polizei. Das Wort „Polizeistaat“ bekommt so eine völlig neue Wendung: die Zivilgesellschaft fällt ab einem gewissen Stadium ihrer ideologisch gelenkten Selbstwerdung mit dem Schreckensbild ihrer Selbst ineins. Kontrolle ist gut, doch Selbstkontrolle noch besser – am besten!
Das performativ ins Bewußtsein gerückte Aussterben, von dem „Polizei stirbt aus“ handelt, zeigt in bester Tradition Brechtschen Aufklärungsengagements das, was heute „der Fall ist“. Wenn dieser Fall nicht durch Rekurs und Einspruch neu zur Verhandlung kommt, wird es beim Aussterben der Polizei (die gerade weiter aufgestockt und aufgerüstet wird), gewiß nicht bleiben. Das Flimmern und Flirren der digital dahinlügenden Bildschirme wird eine blendend hellere Fassade zu Tage befördern als die des Justizpalasts von 2010, wovor Palaczs Kontrastfassade zu Weibels Vor-Bild ebenso eindringlich warnt wie das unentrinnbar eng geflochtene Fenstergitter, das die Aussichten eines eindimensional gerasterten kollektiven Blicks auf eine Welt vor Augen führt, die längst nicht mehr für ihre freien Bewohner bestimmt sein darf.